Sarah & ich in Alter do Chão
Sarah & ich in Alter do Chão

Queridos!

Mais ou menos 60 Tage sind um, in denen ich nichts von mir hören gelassen habe! Nun habe ich aber wieder Zeit zum Durchatmen und nutze diese Gelegenheit um zum Berichten. Die letzten 2 Monate waren gefüllt von Arbeit, Reisen, Seminar, Besuch, Anstrengungen, neuen Begegnungen, Verzweiflung, Erkenntnisse & Liebe.

Nach meiner Elefanten-Reise durch Lateinamerika mit Merle hatte ich 3 schöne Wochen in meiner momentanen Heimat Belém. Es war ein gutes Gefühl nach der Reise wieder zurück zukehren! Und wer hätte es gedacht: Das neue Projekt der Paroquia „Tambores da Vila“ hat tatsächlich begonnen. Für die jenigen, die sich nicht mehr an das Projekt erinnern mögen, hier ein kleiner Auszug aus meiner zweiten Rundmail:

(Villa da Barca, ist ein Stadtteil von Belém, in dem die Menschen am Flussufer der Bahia da Guayara, in Pfahlbauhäuser leben. Das „nichtvorhanden sein“ einer Kanalisation, veranlasst die Bewohner ihren ganzen Hausmüll aus dem Fenster zu werfen, welcher dann unmittelbar unter ihren Häuser liegt und vor sich hinmodert. Ein Problemherd für Krankheiten und unsauberes Wasser, das die Bewohner für ihren Alltag gebrauchen. Momentan befindet sich der Stadtteil aus „Pfahlhäusern“ im Umbruch. Der Staat hat dort ein Bauprojekt veranlasst, bei dem nach und nach, in einer Zeitspanne von 5 Jahren, alle Pfahlhäuser abzureissen sind und dafür Steinhäuser zu bauen. Jedoch bekommt nur diejenige Familie eine Wohnung in den Häusern, die vorweisen kann, dass sie länger als 25 Jahre in der Vila da Barca wohnt. Anderenfalls bekommt die Familie nur eine gewisse Summe an Geld und muss ich woanders nach einem  Platz zum Wohnen umgucken. Ich finde diese Regelung ziemlich krass, da vielen Menschen ihr zu hause und Heimat genommen wird. Auch das Pfahlhaus der Kirchengemeinde wurde schon abgerissen. Das traurige an dem Bauprojekt ist, dass diese scheinbare „Verbesserung“ der Lebensverhältnisse nicht primär den Bewohnern sondern dem Tourismus dienen soll. Denn der Stadtteil Vila da Barca hat einen Ruf von der „dunklen und schlechten“ Seite von Belem.Das vorwiegende soziale Problem der Vila da Barca ist, dass die Kinder keine familiären Strukturen haben, da deren Eltern  oft entweder im Drogenmillieu tätig sind, oder sich prostituieren. Demzufolge ist die Gewaltrate und die Kriminalität relativ hoch. Zehn Prozent der Kinder gehen nicht zur Schule, die Hälfte von ihnen wegen Kinderarbeit. Schon seit vielen Jahren setzt sich die PCELB, vor Ort, in Form von verschiedenen Projekten für Kinder und Jugendliche ein. Im  Juni ist das letzte Projekt ausgelaufen. Ein neues Projekt startet im November, es wird von einer brasilianischen Bank finanziert, und ist für 2 Jahre geplant.  Das Ziel des Projektes ist, langfristig Kinderarbeit und sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen zu bekämpfen. Das Projekt startet mit einem vielseitigen Programm für  das Erlernen oder die Verfestigung traditioneller und kulturellen Wuzeln. Durch  Workshops für Kinder und Jugendliche, bei denen sie  kulturelle Tänze , malen, singen oder musizieren lernen können, erhofft man sich einen  stabile Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen und dadurch zur ganzen Familie aufbauen zu können.  Ist dies geschafft, sollen „Oficinas“  für die Erwachsenen angeboten werden, in denen sie Fähigkeiten erlernen, um eine richtige Arbeit ausüben zu können. Mit dem Ziel aus dem Teufelskreis der Kriminalität und Prostitution heraus treten zu können. Auch wird versucht Gesprächskreise auf zubauen, in denen über die in dem Stadtviertel herrschende sexuelle Gewalt geredet werden soll. Das sind natürlich Ziele, die auf dem Blatt Papier leicht zu lesen sind, jedoch die Umsetzung  sehr, sehr kompliziert wird.  Ich werde nur den ersten Teil, nämlich der Workshops für Kinder und Jugendliche, mitbekommen. Dort  werde ich aber keine Gruppe leiten, sondern nur mithelfen. )

Nun fahre ich jeden Nachmittag in das Barrio Vila da Barca und helfe bei den Flöten –und Tanzoficinas. Die Kinder sind sehr anders als in dem „Icui“Projekt, es wird geschrien, geschlagen und geschipmft und doch können sie manchmal sehr herzig sein. Bis jetzt ist das Projekt jedoch leider nur sehr schleppend angelaufen. Dies liegt zum Teil daran, dass unsere Leiter der Oficinas oft Krank sind, oder manchmal einfach nicht erscheinen. Zum anderen bestehen die Oficinas nicht nur aus Tanz –und Flötenunterricht, sondern wir müssen auch Themen behandeln, mit denen die Kinder in der Vila leben (Müll, Krankheit, sexueller Missbrauch...). Die Kinder aus dem Barrio haben alle eine sehr niedrige Konzentrationsfähigkeit. Für sie steht Spielen und Spass im Vordergrund, desshalb sind unsere Oficinas für einige Kinder nicht sehr aktraktiv. Ein weiteres Problem ist, dass unsere Leiter der Oficinas keine pädagogische Ausbildung haben. Warum? Das Projekt „Tambores da Vila“ wurde so geplant, dass das Tanzprojekt „Iaça“ aus unserer Gemeinde dieses Projekt trägt. Sprich, junge Erwachsene aus „Iaça“ bekommen eine Chance Kinder zu unterrichten und Geld zu verdienen. Ich finde diesen Plan gut, jedoch fehlt eine pädagogische Hilfe. Dafür gibt aber kein Geld. Pois é e Vamos ver, wie der Brasilianer zu sagen pflegt.

Mein anderes Projekt „Icui“, zu dem ich und Delphine ( eine neue Voluntärin aus der Schweiz, 27) mit dem Mann von der Pastorin 2 mal in der Woche hinfahren, läuft  gut und erfüllt mich sehr. Durch die intensive Zeit im Dezember, habe ich zu den Kindern eine liebevolle Beziehung aufbauen können. Auch kann ich die Gruppe nun fast problemlos leiten, das gibt ein gutes Gefühl. Im März haben wir die Erschaffung der Erde als Thema gehabt, nach Ostern folgt „unsereErde“. Wir haben ein Kuscheltier-Makottchen namens Gönk, der eine Weltreise machen wird, so lernen wir mit den Kindern andere Kontinente, Kulturen, Essen, Sprache und Aussehen kennen. Ich bin gespannt!

Fast hätte ich den Karneval vergessen! Gente, das waren Tage der loucura! Die ersten 3 Tage von dem Karneval bin ich in Belém geblieben, da noch ein Kindergottesdienst anstand. Die Stadt war wie ausgestorben, denn ganz Belém verreist über Karneval in kleine Städte oder zum Strand um dort zu feiern. Jedoch gibt es in Belém auch einen Karnevalumzug über einige Nächte hinweg, mit tollen Fantasiefigurem, Musik und Tänzen. Schade ist nur, dass für die Anwohnerzahl von Belém wirklich wenig Menschen dort sind. Ich war auf jeden Fall begeistert, aber länger als eine Nacht muss man dort auch nicht gewesen sein. Nach dem Gottesdienst bin ich mit Johanna nach Virgia gefahren. Virgia ist eine Kleinstadt, in der über das ganze Jahr der Hund begraben ist. Nur an Karneval erwacht die Stadt und ist gefüllt von jungen, feiersüchtigen Menschen aus Belém. Joahanna und ich waren mit Carlos und einigen Freunden und Bekannten in einem Haus für 3 Tage. Ich sage euch, das Motto dieser Tage war wirklich: auf geht’s ab geht’s 3 Tage wach! Und NUR Techno-Brega, aiaiai..

Nach meinen drei Alltagswochen flog ich dort hin, wo ich schon einmal war aber den endscheidenen Teil verpasst hatte. Wo war das? Foz do Icuaçu: Die Wasserfälle. In Foz traf ich Luisa,  eine Voluntärin aus meiner Seminargruppe von Brasilien, die mich ein Monat zuvor schon in Belém besucht hatte. Wir machten uns einen faszinierenden Tag bei den Wasserfällen auf der argentinischen Seite und stiegen dann direkt in den Bus  nach Curitiba. In Curitiba fand unserer Zwischensemiar statt. Dort hatte ich eine sehr schöne, abwechslungsreiche und irgendwie auch heimische Zeit. 28 junge, deutsche Menschen auf einem Fleck, war etwas Besonderes nach 7 Monaten Belém. Wir haben unsere Projekte vorgestellt, Erfahrungen ausgetauscht, Probleme besprochen,  Turisten-Kram gesehen und sind Feiern gegangen. Das erste mal nach 7 Monaten Disko, Electro..taaanzen, eine feine Sache =)

In Belém angekommen erwartetet mich schon der Weltgebetstag, an dem alle Musiker und der Chor der Gemeinde teilnahm. Vielleicht war der Gottesdienst eim wenig lang, jedoch hat die Musik alles gerettet: 9 Instrumente und 15 Sänger mit Mikros, da war Schwung in der Sache. Ein schönes Erlebnis.

Nach dem Seminar hatte ich 4 Tage in Belém, bevor Sarah ankam. (Für die jenigen, die Sarah nicht kennen. Sarah ist meine Freundin aus Hamburg) „...da stand dann plötzlich am Flughafen ein ganz schön weisses Etwas (Sarah) vor mir“ ... dies musste geändert werden! Wir verbrachten eine Wochen Ferien in Santarém bzw. Alter du Chão. Santarem liegt mitten in Amazonien und man kommt nur mit Flugzeug oder Boot dorthin. Gesagt getan. Insgesamt haben wir ein Tag Santarem angeschaut, zwei Tage in Alter do Chão an einem Traumstrand gelegen (Der Strand von Alter do Chão, kann man mit der Karibik vergleichen),  2 Tage eine Bootstour mit Urwaldwanderungen gemacht, wobei wir die Nacht auf eine Minni-Insel unter dem freien Himmel am Strand geschlafen haben, (Wir sind Riesenbäume, Riesenarmeisen Riesenspinnen und Flussdelphinen begegnet, beeindruckend!) und am Schluss sind wir 50 Stunden in einem Tuckerboot mit unseren Hängematten von Santarem nach Belém zurück gefahren. Leider wurden wir auf dem Rückweg nach Hause in einem Internetcafe ausgeraubt. Es war mein erster überfall in Belém und irgendwie war ich schon darauf gefasst,  dass dies mir eines Tages passieren wird. Jedoch ohne Sarah und Gepäck! Nun ja, wir sind ein paar Wertsachen los geworden und ein Glück „nur“ mit einem Schock davon gekommen.    Nach unserer Reise hatte Sarah noch 2 Wochen in Belem. Wir guckten uns ein paar Dinge in der Stadt an, sie kam mit in meine Projekte und ein Tag verbrachten wir am Strand, mit den anderen Voluntären  und meinem Freund Carlos.  Ich habe die Zeit mit Sarah sehr genossen. Es war schön jemandem Heimischen mein Leben in Belém zu zeigen.

Nun habe ich noch 4 Monate in Belém, die  Zeit rennt!

Leider bin ich mit meiner Pastorin bis heute noch nicht auf einen Nenner gekommen. Ich hatte mit ihr noch ein Gespräch vor meinem Zwischenseminar, in dem sie mir mitteilte, dass  sie das Geühl hat, ich hätte kein Interesse an der Gemeinde und Amazonien. Für mich war das Gespräch ein ziemlicher Schocker, da ich eigentlich dachte, das alles in Ordnung wäre. ( Klar, meine Beziehung zu der Pastorin war nie ganz rosig, aber daran hatte ich mich schon gewöhnt, ausserdem sehe ich sie eher selten in meinem Alltag)   Trotzdem habe ich dem letzten Monat viel darüber nach gedacht und Gespräche geführt. Ich bin mir über einige Dinge, Fehler und Kulturunterschiede klar geworden und werde versuchen dies in einem, hoffentlich, Friedensgespräch der Pastorin mitzuteilen. Ich möchte die letzten 4 Monate in der Gemeinde gewinnen um mit einem guten Gefühl von hier weg zu gehen. Es ist nun einmal nicht so, dass hier  nur Arbeit, Gottesdienste Freunde und das Freizeitleben zählen.. ich kann euch leider nicht genau beschreiben wie diese  Communidade ist, gibt oder erwarten, aber es ist eineHerausforderung für mich! ( Vorallem,  weil ich mitten in der Gemeinde wohne, ein 24 Stundenaufenthalt)              Aber ich habe  vor diese Herausforderung zu bewältigen =)

Nun ein paar Informationen über meine Wohngemeinschaft: Seit einem Monat, wohnt Dephine bei uns. Sehr angenhem!  Johanna, mit der ich mir seit 8 Moanten ein Zimmer teile, geht schön verfrüht, Ende April zurück in die Schweiz.  Mit Delphine ist auch Sebastian (25) gekommen, ein Schweizer, der hier 7 Monate im Infozentrum arbeiten wird. Sebastian wohnt über uns in der Familie von der Pastorin und er würde gerne bis zu seiner Rückkehr dort wohnen bleiben. Das heisst: Ich habe ab Ende April ein eigenes ZIMMER =) Dadurch, dass Delphine und ich nun beide namorados haben (tjaja, das Wort müsst ihr euch jetzt selber übersetzten ;)) trifft sich das ganz gut!

Also meine Lieben, ich werde die Zeit in Brasilien noch in vollen Zügen geniessen und an meiner Zukunft pfeilen (jaa Mama, wirklich!)          

Bis in einem Monat.. um abraço forte!      Annika